politische schriften
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Eine Welt ohne Mitleid
« Don’t be afraid »
Die schmerzerfüllten Augen Palästinas.
Sie verlangen nach Einheit, nach Gerechtigkeit, nach Wahrheit, nach Menschlichkeit.
Blicke von Kindern, die seit Generationen keinen Anspruch auf die Freude der Kindheit gehabt haben.
Die Augen, von denen ich hier spreche, sind die eines palästinensischen achtjährigen Jungen, dessen aufrichtiger, ausdrucksvoller Blick uns mit Neugierde und Wärme anschaute. Seine grünen Augen standen gänzlich im Gegensatz zu der grauen, apokalyptischen Landschaft dieses fahlen Morgens im April, als wir, gelähmt durch den Horror, die zerstörte Altstadt von Nablus betraten.
30. September 2003 | Themen : Palästinensischer Widerstand Kinder sind Opfer Nablus

(Alaa Badarneh)

In den Augen dieses Knaben konnte man alles über Panzer, Maschinengewehre, zerstörte Häuser, über die unter dem Schutt zerfetzten, noch lauwarmen Körper, über die absonderlich ausstaffierten Soldaten, die Terror und Verzweiflung verbreiten, ablesen.

Verletzte Kinderblicke, gebrandmarkt durch die erlittenen unzähligen Erniedrigungen, die seinen Familienmitgliedern durch diese Barbaren, die sich erst kürzlich aus Nablus zurückgezogen hatten, ständig auferlegt werden.

Es war der 22. April 2002.

Auf die Frage “Welche Botschaft möchtest du der Welt mitteilen?” erwiderte uns das achtjährige Kind, ohne zu zögern: “Don’ t be afraid”.

Wie angewurzelt haben wir ihn angeschaut. Dieser durchdringende Kinderblick war dabei uns zu erklären, dass sein Volk nie kapitulieren würde, gleich was die israelischen Soldaten veranstalten würden, weder wegen den begangenen Verbrechen, den kollektiven Strafen, noch wegen den Merkawa-Panzerkolonnen!

Diese grünen Augen von dem jungen Palästinenser, mit den langen, feuchten, schwarzen Wimpern, haben mich nie mehr verlassen.

Sechs Monate später bin ich dorthin zurückgekehrt, um zu erfahren, was mit diesem kleinen Jungen geschehen ist, dessen Mut und Entschlossenheit mich, ohne mein Wissen, geleitet hatten. Ich konnte ihn nicht finden.

Don’ t be afraid”.
In diese wenigen Worten, brutal und zugleich beruhigend, konnte ich bis heute nicht vollends eindringen. Aus Angst ihrer Bedeutung nicht gerecht zu werden. Aus Angst die vielen tiefen Ausschattierungen nicht beschreiben zu können. Heute möchte ich ihm meine Dankbarkeit aussprechen.

"Don’ t be afraid".
Helfen Sie uns, die Bedeutung vom Ruf dieses Kindes zu verbreiten, welches in sich das ganze Leiden Palästinas trägt.

"Don’ t be afraid".
Das Kind, dass durch die israelische Grausamkeit ins Elend gestürzt wurde, erklärt uns mit Wut, Leidenschaft und Vertrauen niemals Angst vor dem Aggressor zu haben und sich ihm zu widersetzen. Niemals Angst zu haben, wenn sie jenen beistehen, die nein sagen und der Barbarei standhalten, koste es, was es wolle. Niemals Angst zu haben, sich dem Stärkeren zu widersetzen, denn es gibt keinen Mittelweg und wir sind der Wahrheit und der Wahrhaftigkeit verpflichtet. Es gibt Umstände, bei denen man wissen muss, auf welcher Seite man stehen will: Auf der Seite des schiessenden Besatzers oder auf der Seite der beschossenen, unschuldigen Opfer?

Die Begegnung mit diesem Jungen, so wie mit der fesselnden, unzweifelhaft tief verletzten und gefangen genommenen palästinensischen Gesellschaft, die aber trotz allem, einzigartig dynamisch, frei und einfallsreich weiter besteht, wirkte inmitten dieser immensen Tragödie wie ein kraftspendendes Wunder.

“Hab keine Angst. Du darfst keine Angst vor dem Stärkeren haben! Vereinigt können wir sie besiegen! Wir haben die Schönheit und die Gerechtigkeit auf unserer Seite. Die anderen, mit ihren Panzern, haben ihre Menschlichkeit verloren und sind dabei ihr eigenes Grab auszuhöhlen” .

Oft geschieht es in der Not, wenn Menschen uns ihre Grösse enthüllen und uns als Vorbild dienen.

Der Blick dieser Kinder, denen durch den Irrsinn der Erwachsenen die Kindheit gestohlen wird, sollte uns ermutigen für deren Sache, aufrichtig und bescheiden, einzusetzen. Wir sollten denen beistehen, die sich würdig, ohne Kompromisse und ohne Zweideutigkeit für die Wiedererlangung ihrer verhöhnten Rechte engagieren.

Edward Saïd hat sich bis zu seinem letzten Atemzug dafür eingesetzt uns diesen Weg zu zeigen: Den Weg der Würde und der Solidarität. Heute ist uns allen seine letzte Botschaft ein Vermächtnis.

Silvia Cattori

Deutsche Übersetzung: Monica Hostettler
Alle Fassungen dieses Artikels:
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